Donnerstag, 18. Januar 2018

Der weiße Pullover

Boah, hat der mich Nerven gekostet! Und Zeit! Aber letztendlich wurde doch noch alles gut.

Es begann schon im Jahr 2015, nachdem ich dem Zickzackfieber verfallen war und das Zickzack-Muster auf einfarbig umgebaut hatte. Die Älteren unter euch erinnern sich vielleicht.

So sah meine Idee damals aus:

Wirkt eigentlich ganz harmlos...


Im vorletzten Sommer habe ich also munter mit ungefärbter Seidenstraße vom Atelier Zitron losgestrickt, wie immer in der Runde - aber diesmal nicht als Raglan von oben, weil ich nicht wusste, wie ich einen etwas halsferneren Ausschnitt mit diesem Muster hinkriege.
Der bunte Pullunder hatte genau aus diesem Grund nur ein "Halsloch" und keinen gestalteten Ausschnitt bekommen.

Die Chronik der Ereignisse:

Sommerferien 2015: Den halben Rumpf von unten gestrickt. Das Ganze danach ein Jahr lang liegen gelassen, weil das Gestrick so schwer war und ich mich immer wieder fragte, ob das nicht viel zu massiv würde.

Sommerferien 2016: Alles wieder tapfer aufgeribbelt und mit einer Nadelstärke größer (4,5) noch einmal von vorne begonnen. Das Ganze wieder ein Jahr lang gut abgelagert. Mir dämmert inzwischen, dass ich absolut nicht weiß, wie es ab Ärmelansatz weitergehen muss. Da ist nur dieses dumpfe Gefühl, dass es mit normalen Raglanabnahmen (insgesamt 8 Maschen in jeder zweiten Runde) rein mathematisch nicht aufgehen kann. Denn durch die Zickzacklinie hat man keine geraden Reihen und viel mehr Maschen als normal.

Sommerferien 2017: Ich nehme mir fest vor, erst dann etwas Neues zu beginnen, wenn dieses Projekt entweder beendet oder komplett gescheitert und wieder aufgeribbelt ist.
Ärmel gestrickt, alles zusammengestrickt - und Überraschung - ich weiß immer noch nicht, wie ich das mit den Raglanabnahmen machen soll!
Also probiere ich erst einmal, was passiert, wenn ich mit den üblichen acht Abnahmen arbeite. Natürlich geschieht dasselbe wie beim bunten Pullunder - die Maschen würden in einem Stehkragen enden! Das ist für einen Ganzjahrespullover aber viel zu warm.


Hier liegt der Pullover auf dem schönen Holzboden unseres Ferienhäuschens in Schweden. Das Bunte darunter ist ein gut sitzender, nie verbloggter Sommerpulli mit kastigem Ausschnitt.
Der Ansatz der Ärmel sieht zwar korrekt aus, aber wegen der vielen Maschen muss es entweder in einem Rollkragenpullover enden oder man muss am Halsabschluss irgendwas mit den vielen übrigbleibenden Maschen tun. Und Pullover mit zu weitem Ausschnitt, die einem ständig über die Schultern rutschen, sind mir ein Gräuel.

Erst zu diesem Zeitpunkt komme ich auf die Idee auszurechnen, wieviele Maschen denn zu einem gut sitzenden Ausschnitt nötig wären. Also stricke ich schnell eine Maschenprobe in glatt rechts. Die genauen Rechnereien sind nicht erhalten, aber es läuft in etwa darauf hinaus, dass die Hälfte der Maschen verschwinden müssen.

Im Urlaub hat man ja viel Ruhe zum Nachdenken. Und Denken hilft. Immer.
Getreu meinem Grundsatz, Fehler möglichst nicht zu kaschieren, sondern in Gestaltungselemente umzudeuten, setze ich nach ca. 8 cm ab Ärmelansatz eine schlichte Passe mit linken Maschen ein. In der verstecke ich die vielen Abnahmen. Denn Abnahmen verschwinden in linken Maschen optisch komplett. Außerdem nehmen die Reihen die Gestaltung des unteren Abschlusses auf und signalisieren: Hier endet das Zickzackmuster!

Verkrampftes Anprobe-Selfie: Es klappt! Nichts wellt, das Ganze wirkt stimmig.

Nun geht es ganz entspannt mit reduzierter Maschenzahl und den üblichen 8 Maschen Abnahme in vier Raglanlinien weiter. Außerdem entscheide ich mich für einen kastigen Ausschnitt.

Fertig! Sieht doch eigentlich so aus, als ob das schon immer so geplant war :-)

Der Halsausschnitt. Man sieht, dass das Gewicht des Musterbereichs ein bisschen an der schlichten Passe zieht. Beim Tragen ist das aber nicht zu spüren oder zu sehen.
Insgesamt habe ich diesen Pullover wohl mindestens zweimal gestrickt, ich erinnere mich an viel Geribbel, auch Geribbel, das mit ein bisschen Nachdenken vermeidbar gewesen wäre.

Lessons learned:
  • Es gibt einen Grund, warum die meisten Projekte, die im Netz mit dem Zickzackmuster zu sehen sind, schlichte Schals sind. 
  • Immer erst nachdenken, dann stricken.
  • Unbedingt auf die innere Stimme hören, wenn da dieses diffus ungute Gefühl ist. Auch nach über vierzig Jahren Strickpraxis.
  • Lieber einmal zuviel rechnen als zu wenig.  
  • Seidenstraße vom Atelier Zitron ist ein fantastisches Garn! Da hat sich das Zitron-Team selbst übertroffen. Das Garn ist so gut gezwirnt, dass es auch das mehrfache Aufribbeln völlig unbeschadet überstanden hat. Nach immerhin einem halben Jahr Tragen ist der Pullover weiterhin absolut formstabil und pillt nicht. Wegen des Seidenanteils (35%) kann ich das Garn auch auf der nackten Haut tragen - also ideal für Sommerpullover und Jacken.

Montag, 1. Januar 2018

Weihnachtskleider

Endlich habe ich Routine im Nähen von dehnbaren Stoffen. Natürlich möchte ich gern weiter nähen. Aber Nähen geht so schnell, viel schneller als Stricken. Und was soll ich mit so vielen Kleidungsstücken?
Deshalb war ich schlau und habe gleich drei Freundinnen zu Weihnachten mit Kuschelkleidern versorgt. Obwohl das gar nicht geplant gewesen war:

Hanne hatte ich nämlich eigentlich nur gebeten, meine eigene Frau Fannie von Fritzi Schnittreif anzuziehen, damit ich das Kleid auch einmal von hinten sehen konnte. Dann war sie aber sofort begeistert und ich hatte die Idee mit dem Weihnachskleid. Die Stoffe hat sich Hanne dann selbst ausgesucht.

Der Stoff für Carinas Kleid hat mich im Lieblingsstoffladen angelacht. Als ich ihn sah, wusste ich sofort, dass es auch für Carina ein Kleid geben würde. Das Kleiderprojekt für Martina entstand schließlich, als ich ihr Carinas fertiges Kleid zeigte und sie den Stoff des Rockteils so schön fand.

Frau Fannie ist wirklich perfekt: Sehr einfach zu nähen, ohne pieksende oder sich wellende Reißverschlüsse, unfassbar bequem, absolut alltagstauglich und mit vernünftigen Taschen. Und so unkompliziert: Anziehen, Strumpfhose und Stiefel dazu - fertig!

Schön schrill und retro - genau richtig für Carina

Halsausschnitte kann ich jetzt!

Detail: Tascheneingriff

Carina war schon etwas verwirrt, als ich darauf bestand, dass sie zu unserem Treffen im Café ein Kleid anziehen sollte. Aber ich hatte mir überlegt, dass sie das Weihnachtskleid bestimmt gleich anziehen würde und so ein Café ja keine Umkleidekabine hat. So konnte sie einfach Kleid gegen Kleid tauschen - yeah!

Passt perfekt!
Damit ich zukünftig auch für etwas schwierigere Projekte gewappnet bin, hat mein Vater mir zu Weihnachten eine vernünftige Schneiderpuppe geschenkt. Die habe ich mit seinem Einverständnis gleich für die Weihnachtskleider eingesetzt:

Hannes Kleid

Auch hier: Taschendetail
Der Stoff für Martinas Kleid war eine kleine Herausforderung, denn er war nur in Längsrichtung elastisch. Als Rockteil zu Carinas Kleid zusammen mit einem bielastischen Stoff war das kein Problem gewesen. Aber solo  hatte ich ein bisschen Angst, ob sich das Kleid wohl trotzdem gut anziehen lässt. Und ich fand die Ärmel ein bissschen zu eng. Aber die Sorge erwies sich als unbegründet.


Kleiner Kontrast: Bei den Bündchen ist die flauschige Seite außen

Mit einer Schneiderpuppe wird auch die Rückennaht perfekt

Und nun haben gleich drei Freundinnen ein gemütliches neues Kleid!

Montag, 11. Dezember 2017

Kardierter Hund

Im Bekanntenkreis gibt es einen Samojeden. Dieser Wollhund kommt ursprünglich aus Sibirien und sieht nur im Sommer aus wie ein Hund. Im Winter gleicht er eher einer flauschigen weißen Wurst :-)

Beim Fellwechsel im Frühjahr verlieren die Hunde die Unterwolle, die komplett ausgekämmt werden muss und sich ganz wunderbar zum Spinnen eignet. Und so kam ich zu einer Tüte Samojedenwolle mit fast 100 Gramm Inhalt. 

Ich habe die "Woll-Ernte" zunächst mit Soda aufgekocht und nach dem Abkühlen gut gespült und getrocknet:

Hund mit Huhn :-)

Der Hundegeruch war nach der Wäsche fast verschwunden, zudem war das Sodawasser ziemlich braun gewesen. Die eigentlich sehr sauber aussehenden Fasern waren also doch recht schmutzig gewesen.


Im nächsten Schritt habe ich die Flocken kardiert, um möglichst viele der langen Haare aus der Oberwolle auszukämmen. Das habe ich draußen gemacht, und bald schon flogen die Flusen durch den Garten, obwohl es nahezu windstill war.

Nach dem Spinnen sieht man, dass noch weitere Kardierdurchgänge besser gewesen wären. Am sinnvollsten jedoch wäre es wohl, die Fasern mit Wollkämmen zu Kammgarn zu verarbeiten. Aber auch so wurde es ein kuschelweiches, sehr fluffiges Garn:



Hier kann man gut sehen, dass noch Haare aus der Oberwolle enthalten sind

Das Garn ist extrem warm, etwa so wie Alpakagarn. Ich habe es zu Fäustlingen verstrickt, mit denen ich das Samojeden-Frauchen zu Weihnachten überraschen werde.





Einer der Handschuhe ist übrigens in der Bahn fertig geworden. Und ich war sehr verblüfft, als ich von der Schaffnerin angesprochen wurde, ob ich da gerade Samojedenwolle verstricke!

Fazit: Das Verarbeiten von Samojedenwolle ist eine wirklich tolle Erfahrung. Die Fasern riechen zwar anders als Schafwolle, aber nicht unangenehm und keinesfalls streng oder ekelig. Sie sind unendlich weich - eine echte Edelfaser eben. Und obwohl ich eine ärztlich attestierte Hundeallergie habe, war davon beim Spinnen und Verstricken nichts zu merken. Ob das am vorbereitenden Sodabad lag oder daran, dass Samojeden nun mal keine Allergikerhunde sind, kann ich aber nicht sagen.

Wenn ihr die Möglichkeit habt, Wolle dieser schönen Tiere zu bekommen - nur zu!

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