Samstag, 26. Dezember 2015

Krötensammeln

Die stille Zeit zwischen den Jahren verbringe ich immer zuhause am Meer.
Das ist eine schöne Zeit mit der Familie, aber ich nutze diese Tage auch fürs Innehalten und Zurückblicken und um neue Ziele für das nächste Jahr zu setzen. Das ist mein Ritual, seit ich zwölf Jahre alt bin.
Wer es auch ausprobieren möchte: Jana hat einen klugen Fragebogen ins Netz gestellt. Den möchte ich euch ans Herz legen, weil er schöne Anregungen enthält, um den Gedanken eine Richtung zu geben.

Eine von Janas Fragen lautet:

Was war die größte Überraschung bzw. Freude in diesem Jahr?

Die größte Überraschung in diesem Jahr und eine große Freude war für mich die Begegnung mit den Erdkröten.


Als ich im letzen Winter gefragt wurde, ob ich mich an der Betreuung des Krötenzauns am Ende der Straße beteiligen würde, sagte ich sofort zu. Auch die Familie war sofort dabei - denn dass Erdkröten in unserem Garten wohnen, war uns bereits vor drei Jahren aufgefallen, als wir das Gelände neu zu gestalten begannen. Ehrensache, dass wir diesen seltsamen Mitbewohnern helfen würden!

Die Kröten, Frösche und Molche müssen nämlich eine Straße überqueren, wenn sie im Frühjahr von den Feuchtwiesen am Johannisbach zu ihrem Laichgewässer an der alten Mühle streben. Früher war die Senke an der Straße im Frühjahr immer mit plattgefahrenen Amphibien gepflastert. Doch nun gibt es seit ein paar Jahren den Krötenzaun, und der wirkt gut: auf der Straße liegen nur noch selten tote Tiere und die Statistiken zeigen, dass sich die Bestände über die Jahre super erholt haben - was wiederum eine Vorbedingung dafür ist, dass es hier eines Tages vielleicht wieder Störche auf den Feuchtwiesen geben kann. Grau- und Silberreiher sind schon da.

Der Amphibienzaun zu beiden Seiten der Straße wird zu Beginn des Frühjahrs von Mitarbeitern der Stadt gesetzt und in den "Wanderwochen" von freiwilligen Helfern betreut. Wenn man bei der Stadt als Amphibiensammler gemeldet ist und eine Warnweste trägt, ist man bei dieser Tätigkeit sogar versichert. 

Im Abstand von wenigen Metern sind entlang der Zäune Eimer eingegraben. Dort fallen die Amphibien hinein, wenn sie sich auf ihrer Suche nach dem Weg zum Wasser am Zaun entlang bewegen. Morgens kommen wir ehrenamtlichen Sammler, bestimmen und zählen die Tiere und tragen sie zum Teich.

Tragt uns hier weg!


Um unseren Amphibienzaun kümmern sich sieben Freiwillige, so dass man einmal pro Woche zuständig ist. Da diese Arbeit zu zweit aber so viel mehr Spaß macht, heißt das für mich zwischen März und Mai, gleich zweimal pro Woche bei Wind und Wetter früh aufzustehen, um zusammen mit meiner Sammelpartnerin noch vor dem Frühstück die Tiere über die Straße zu tragen. 

Zu meiner Verblüffung brauche ich keine Überwindung: Kröten sind überhaupt nicht ekelig! Sie sind weder feucht noch glitschig, sondern ganz trocken und ein bisschen kühl. Sie haben wunderschöne goldene Augen, mit denen sie die Menschen interessiert betrachten. Sie scheinen gar keine Angst zu haben und sind auf der Hand ganz entspannt, während Frösche treten, zappeln und sich gegen das Getragenwerden immer heftig wehren.

Wenn die Temperaturen in der Nacht über dem Gefrierpunkt liegen, machen sich die Tiere ab Anfang März auf den Weg. Erst sind die Eimer leer oder enthalten nur einzelne Tiere. In warmen Nächten aber sind es Hunderte, die in den Eimern landen. Dann wartet ein wildes, quakendes Durcheinander auf die Sammler. Wir haben Handschuhe an und nehmen die Tiere einzeln aus dem Eimer, bestimmen sie und setzen sie in den Transportbehälter. Unser Rekord nach regnerischer Nacht bei 10 Grad: über 400 Tiere!

Buchführung für die Amphibienbeauftragte der Stadt

Neben Erdkröten und Grasfröschen fallen auch Bergmolche und Teichmolche in die Eimer. Und viele Doppeldecker - also paarungsbereite Pärchen.
Sobald nämlich ein Krötenmännchen eines der viel größeren Weibchen gefunden hat, springt es ihm auf den Rücken und lässt sich von ihm bis zum Wasser tragen. Dabei hält es sich so fest, dass es kaum möglich ist, es vom Rücken der Dame zu entfernen. Manchmal klammern sich sogar mehrere Männchen auf einem Weibchen fest. Das hat es dann schwer, mit dem Männerhaufen auf dem Rücken weiterzukommen. 

Doppeldecker

Auf der anderen Seite der Straße werden die Tiere in der Nähe des Gewässers ausgesetzt. Am besten setzt man sie unter einen Laubhaufen, damit sie eine Chance haben, den hungrigen Reihern zu entgehen, die am Teich schon auf ihr Frühstück warten.

Zum Schluss kontrollieren wir die Eimer am Zaun auf der anderen Straßenseite. Dort sammeln sich die Rückkehrer und werden ebenfalls bestimmt, gezählt und über die Straße getragen.

Teichmolch

Bergmolch
Angekommen! Wo sind denn hier die Frauen?           

Was für eine tolle Erfahrung, diese interessanten Tiere kennenlernen zu dürfen! Mir haben sie den Zugang zu dem Teil der Gartentierwelt eröffnet, der sich nicht auf den ersten Blick erschließt wie Eichhörnchen, Fasane und Meisen. 
Doch die Kröten sind tatsächlich überall. Sie wohnen unter dem Hochbeet, schlafen im Erdkeller und sitzen tagsüber eingebuddelt und gut getarnt in den Beeten. Mit meinen geschulten Augen kann sie jetzt sofort erkennen. So wie die vielen Bergmolche, die unter Steinen leben und die Grasfrösche, die in der Wiese zuhause sind. 

Und ich freue mich jetzt schon wieder auf den Frühling, wenn es bei Sonnenaufgang in den Fangeimern leise quakt...

1 Kommentar:

  1. das ist ein echtes erlebnis, danke fuer den bericht! hier habe ich bisher nur froesche entdeckt,die scheinbar besonders gern im gewaechshaus ueberwintern:) aber immerhin sind sie dort auch sicher!

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